Challenge Roth – Vom Norden nach (ganz) oben!

Leif jubelt im Zieleinlauf bei der Challenge Roth

Die Anreise nach Roth erfolgte bereits am Mittwoch, was mit 4 Tagen vor dem Rennen optimal ist. Dank meiner Arbeitskollegen die mich voll unterstützen konnte ich einige Unterrichtsstunden tauschen und vorziehen, sodass ich die Stimmung in Roth voll aufsaugen und mich perfekt vorbereiten konnte.

Meine Unterkunft war ein Garten, den ein sportfaszinierter Einheimischer den Challenge Roth Athleten in der Rennwoche zur Verfügung gestellt hat. Dort konnten dann einige Athleten mit ihren Wohnmobilen und Bullis stehen. Die Atmosphäre war also schon dort einzigartig und zusammen mit einigen Trainingskollegen, Freunden und Coach Nils Goerke, hatten wir dort eine prima Zeit! Allgemein ist im ganzen Ort eine außergewöhnliche Stimmung – eine komplette Parallelwelt, ausgerichtet auf den Triathlonsport.

Die letzten Trainingseinheiten verliefen super. Dazu gehörte u.a. das Schwimmen im Kanal mit hunderten Athleten, wie auch 2 Radausfahrten von ca. 2 Stunden, um sich mit dem Rennkurs vertraut zu machen. Am Abend, 2 Tage vor dem Rennen dann der Schreck: Als ich ins Bett gehen wollte spürte ich an meiner Brust etwas merkwürdiges…eine vollgesaugte Zecke! Schnell rausgeholt und panisch Coach und Bekannte und einige Rother Zeckenexperten kontaktiert – aber erstmal die Nacht abwarten, ob es sich entzündet. Hätte ich am nächsten Morgen den klassischen „Ring“ um die Stelle des Zeckenbisses gehabt, wäre die Folge Antibiotika und natürlich kein Start beim Rennen. Was ein Horrorszenario!

Am nächsten Tag war die Stelle schon sehr gerötet, aber nach Begutachtung der Experten keine Entzündung. Ich kann also Starten! Das war für die Nerven 1 Tag vor dem Rennen natürlich nicht gerade förderlich, denn aufgeregt war bereits extrem! Beim Bike Check-In am Tag vorab wurde mir dann das erste mal die Masse an Athleten bewusst die hier an den Start gehen werden – was ein riesen Event! Meine Motivation hier richtig einen rauszuhauen stieg mehr und mehr, da ich jemand bin der durch solche extrinsischen Reize extrem positiv reagiert. Ein klassischer Wettkampftyp. Jetzt muss nur noch Mini-LSG mitspielen und halbwegs ruhig schlafen, dann wird das was!

Mein Ziel: Bestzeit (bisher 8:43 bei meinem Ironman Sieg in Thun/Schweiz) und optimaler Weise unter der magischen Grenze von 8:30 Stunden bleiben. Platzierungen o.ä. sind mit eigentlich egal, solange es schnell wird.

Um 21 Uhr haben wir uns nach intensiven Carboloading dann in den Bulli verkrochen – um 3:30 klingelte der Wecker. Bis dahin war ich nicht wach, die Kleine hat ein Sportlerherz und vorbildlich durchgeschlafen, damit Papa heute auch fit an der Startlinie steht. Mit meinen Trainingskollegen ging es dann im Auto zum Schwimmstart, der außerhalb von Roth liegt.
Die Anspannung war bei allen zu spüren..es lag ja auch ein langer Tag vor uns! Heiß sollte er nicht werden und Windstill dazu, d.h. alles angerichtet für schnelle Zeiten!

Der Schwimmstart verlief gut, es fiel mir in der Masse an Menschen aber schwer die „richtige“ Gruppe zu erwischen die mein Tempo schwimmt. So bin ich recht lang an der Spitze einer Gruppe geschwommen, was natürlich mehr Energie kostet als hinten im Wasserschatten zu bleiben. Ich hatte also keine Ahung, ob ich gut oder schlecht im Rennen war, da ich einfach mein eigenes Tempo nach Gefühl durchgeschwommen bin. Nach 3,6Km, also 200m vor dem Schwimmende überholte mich dann mein Trainingskollege von hinten, der das gleiche Tagesziel wie ich hatte und die letzten Wochen auch immer deutlich schneller geschwommen ist im Training. An dem Punkt wusste ich also das erste Mal: Es scheint gut zu laufen!

Leif auf der Laufstrecke auf Siegkurs

Jetzt schnell raus aus dem Neoprenanzug und ab aufs Rad – 180Km mit 1500 Höhenmetern stehen an! Die ersten Kilometer waren ziemlich hektisch, da sehr viele Athleten auf der Strecke waren. Meine Platzierung oder Zeiten wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht, ich wusste nur was ich an Watt treten muss/kann und das ich ca. 39Km/h im Schnitt brauchen würde, um mit einem guten Lauf die Chance auf meine Zielzeit von 8:30 Stunden zu haben. Beim Radfahren muss man einen gewissen Abstand zu den andren Athleten einhalten, um kein Windschatten zu fahren (dann gibt es eine Zeitstrafe). Dennoch profitiert man auch mit korrektem Einhalten der Abstände extrem vom Fahren in einer Gruppe. So war es auch bei mir und ich konnte mich trotz einsetzenden Regens (was mir technisch immer Probleme
bereitet) weit nach vorne arbeiten, sodass am Ende eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 40,5 Km/h auf dem Tacho stand. Unter 4:30 Stunden für 180Km auf dem Rad – meinem Ziel also mehr als ein Stück näher gekommen! Meine Wattwerte waren entsprechend hoch, aber ich habe mich gut ernährt und vor allem mental war ich natürlich in einer optimalen Ausgangslange, denn meine Paradedisziplin kommt ja noch! Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht auf welchen Platz ich lag, ich wusste rechnerisch nur, dass es nicht viele geben kann die so schnell schwimmen und Radfahren können.

Die Laufschuhe geschnürt und los gings…mit Rückenschmerzen. Die ersten 2-3 Kilometer waren zäh. Ich hatte starke Schmerzen im Rücken und es rollte einfach nicht. Zum Glück legte sich das Problem und mit jeden Kilometer mehr fühlte ich mich besser. Als meine Supportcrew mir bei KM 10 zurief, dass ich auf den Weg in die TOP5 bin und schneller laufe als alle anderen, setzte das natürlich extra Kräfte frei! Beim passieren der Halbmarathonmarke war ich bereits zweiter aller Amateure, aber die Triathlonlangdistanz beginnt so richtig erst ab KM30, denn dann zeigt sich wer genug Kraft im Tank hat. Vor allem weil es hier in Roth ab KM 30 auch bergauf geht nach Büchenbach, bevor der Rückweg dann „rollen“ sollte. Vorausgesetzt die 7 Stunden lang vorbelastete Muskulatur spielt dann noch mit. Am Berg konnte ich dann auch den bisher dahin gesamtführenden Amateurathleten stellen – Adrenalin pur. Ich war voll im Modus, hatte das Momentum auf meiner Seite.
Schmerzen habe ich nicht mehr gespürt bzw. verdrängt und einfach nur funktioniert: Tempo halten, Knie hoch, Essen, Trinken und von vorn. Als mein Coach mir dann zurief, dass das ganze hier eher in Richtung 8 Stunden gehen würde, musste ich mit den Tränen kämpfen (vor Schmerz oder Freude weiß ich gar nicht mehr). Das „Bergabstück“, also die letzten 5Km zurück nach Roth waren extrem hart. Der Körper gibt nach 7,5 Stunden Belastung schon Signale, dass er nicht mehr so richtig will und auch die Oberschenkel zeigten latente Krampfneigung..aber es hat geklappt. Ich konnte durch meinen Vorsprung etwas ruhiger machen und somit den Sieg absichern.

Die Challenge Roth gewinnnen – schnellerster von allen Amateuren – das hätte ich wirklich nicht für möglich gehalten. Noch viel weniger hätte ich gedacht, dass ich im Stande bin eine 8:05 Stunden zu erreichen! So schnell war noch kein Mensch aus Schleswig-Holstein (Schleswig-Holstein Rekord). Wahnsinn! Mann muss natürlich relativieren, dass die Profis von vor 20 Jahren nicht das technisch fortschrittliche Material hatten, aber dennoch habe ich ja auch die aktuellen Eliten geschlagen.

Im Ziel fiel die ganze Last von mir. Das waren doch schon körperliche und mentale Strapazen die letzten Wochen und Monate. Ich werde nun erstmal Abstand von dieser doch so schönen Parallelwelt nehmen und mehr Zeit für meine Mädels haben. Mindestens 8:05 täglich kuscheln, spielen und einfach mal „normal“ sein ist für die nächste Zeit mein neues Ziel..und wie ich mich kenne kribbeln mir die Füße meist schneller als mir recht ist und ich Suche nach neuen Herausforderungen. Aber alles zu seiner Zeit – diese Reise bis hierher war schön und anstrengend zugleich. Nun wird erholt und reflektiert und danach im Familienrat gemeinsam evaluiert wo die Reise noch so hingehen kann!

Leif im Ziel der Challenge Roth mit Familie