Das Leben mit „Mini-LSG“

Der November und Dezember sind im Trainingsalltag eines Triathleten die klassischen Übergangsmonate. Das bedeutet man macht 2-4 Wochen eine Saisonpause, im Fachjargon auch „Offseason“ genannt. Meine bisherigen Offseasons waren in dieser Zeit schon von täglicher sportlicher Aktivität geprägt, aber eben nicht so spezifisch nach Plan. Ich gehe in dieser Zeit vermehrt anderen Hobbies nach, sodass ich auch mal wieder versuche das Runde ins Eckige zu bekommen oder Surfen gehe. Natürlich gehe ich auch mal laufen oder fahre mit Gravelbike durch die Wälder, aber all das erfolgt ohne hohe Intensität oder Vorgaben in Form von Intervallen oder anderen Zeitvorgaben. Die geistige und körperliche Erholung steht im Vordergrund, um erholt und motiviert in die neue Saison zu starten. Ja auch der Kopf muss sich tatsächlich mal erholen, denn der Fokus auf den Leistungssport ist auch mental herausfordernd. Umso wichtiger ist es in dieser Phase eben einmal zu versuchen mehr „normaler“ Mensch als Athlet zu sein. Nur wenn der Kopf 100% frei ist und man auch Lust auf eine solche Herausforderung mit all den Entbehrungen hat, sollte man Leistungssport machen. Und bis zu diesem Punkt hat man allein entschieden, d.h. soziale Aspekte wie das Einverständnis von der Partnerin und neuerdings ja auch der Familie müssen berücksichtigt werden. Eine Vorbereitung wie in meinem Fall auf die Challenge Roth, einer Triathlon Langdistanz (Ironman Distanz), ist sehr zeitaufwendig. Neben dem Beruf des Lehrers (Vollzeit) trainiere ich 15-20 Stunden pro Woche. Neben dieser reinen Trainingszeit kommt mit Vor- und Nachbereitung wie u.a. Weg zum Schwimmbad etc. einiges an Zeit zusammen. Es wird somit schnell klar, dass die o.g. Entbehrung nicht nur die eigene Zeit ist, sondern auch die Liebsten um einen herum verzichten müssen. Bisher hatte ich immer die volle Unterstützung meiner Frau und alle Freiheiten die ich brauchte , um erfolgreich Leistungssport treiben zu können. Jetzt sind wir aber nicht mehr zu zweit und ich habe auch zu Hause größere Verantwortung und auch Pflichten. Noch habe ich nur wenige Wochen Erfahrung sammeln können, wie dieser Spagat mit kleiner Familie und großen sportlichen Träumen zu vereinbaren ist.

Die Geburt meiner Tochter am 20.11.2023 lag aus sportlicher Sicht (Stichwort Offseason) eigentlich optimal! Nur das mit dem Erholen und motiviert sein klappte nicht ganz so optimal. Natürlich trat all das ein, was vorab überall zu hören und zu lesen war über die ersten Wochen nach der Geburt…aber das habe ich gekonnt so lange es ging verdrängt. Bestes Beispiel war der Start beim Ironman Cascais der nur einige Wochen vor dem ursprünglichen Stichtag lag. Das Leben hat sich mit einem Kind komplett geändert. Die krasseste Veränderung bzw. hinsichtlich des Leistungssport „Belastung“ ist der Schlafmangel. Normal habe ich neben der Arbeit wie bereits erwähnt 15 Stunden bis zu in hohen Wochen knapp 20 Stunden die Woche trainiert- im Trainingslager auch mal mehr 😊 Als Lehrer hatte ich da den Luxus bereits mittags die erste Trainingseinheit zu absolvieren – gefolgt von einer kleinen Mittagsruhe – bevor es abends zu zweiten Session ging. Am Wochenende waren es in der direkten Ironmanvorbereitung auch schonmal 3 Einheiten am Tag. Besonders an den intensiven Trainingstagen habe ich Nachts mindestens 8 Stunden geschlafen…und genau das fiel nun alles Weg. Besonders zu Beginn lag der Schlaf (in Summe) eher bei 4-5 Stunden, an Mittagsruhe war (natürlich) gar nicht zu denken. Erhole ich mich normalerweise zwischen den Trainingseinheiten, so bewege ich mich im Normallfall recht wenig. D.h. die Couch ist da mein bester Freund. Als Familienvater kommen neben vermehrt auftretenden Aufgaben im Haushalt nun auch Babyberuhigungsmaßnahmen wie Spazierengehen dazu. Das Spazierengehen hatte ich vorab mit Familie und Freunden immer boykottiert, da mich diese langsame und für mich langweilige Fortbewegungsart einfach nur müde macht. Ausnahmen waren da nur Geburtstage oder Weihnachten 😉. Auch mental empfand ich die Belastung hoch. Natürlich schwebt man irgendwie auf Wolke 7, weil es nichts Größeres gibt als Papa zu sein und in die kleinen Miniaugen zu gucken. Auf der anderen Seite sorgt man sich gerade zu Beginn viel. Nimmt die Kleine genug zu, hat sie Schmerzen, ist sie krank….man hat einfach keine Erfahrung. Und das ist sehr anstrengend und kostet Kraft.
Kurzum – ich war in einem Dauerzustand der Ermüdung.
Diesen Zustand habe zudem noch verschlimmert, da ich mit „Gewalt“ versucht habe auch ohne Schlaf weiterzutrainieren. Das Resultat waren vermehrt kleinere Erkältungen (aber zum Glück keine Verletzungen), sodass der Formaufbau nur schleppend vorrangig. Einerseits ist es immer das schönste zu Hause bei meiner kleinen Familie zu sein und ein Kind löst wirklich Glücksgefühle aus die mit nichts zu vergleichen sind ( nein, auch nicht mit einem Sieg bei einem großen Rennen 😉 ) , aber dennoch verspüre ich vermehrt eine gewisse innere Unruhe. Trotz all der Müdigkeit war ich unausgeglichen. Der Leistungssport, die Herausforderung des Wettkampfes und schlichtweg der Adrenalinkick fehlen mir. Kurzerhand habe ich mich im März dann für den Halbmarathon in Den Haag angemeldet. Da meine Frau aus den Niederlanden kommt und die Familie nur 15km von den Haag liegt, passte das hervorragend. Ich hatte zudem gute Erfahrungen mit dem Rennen, zumal ich hier im Vorjahr meine Bestzeit verbessern konnte! Die Trainingsleistungen vorab waren zwar nicht überragend, aber in Richtung Bestzeit sollte ich schon gehen. Mein Sportlerhirn war zu diesem Zeitpunkt noch auf die Vorkindära kalibriert, denn da reichte es wenn ich mir eine Startnummer ans Trikot gemacht habe und der Rest lief von allein. Doch diesmal holten mich der Schlafmangel und ausgiebige Spaziergänge ein – ein katastrophaler Wettkampf. Selten bin ich so eingegangen und habe so gelitten. Meilenweit entfernt von einer etwaigen Bestzeit und danach kränkelnd habe ich nun eingesehen, dass es mit der Brechstange sportlich nicht funktioniert. Hatte sich vorab mein Leben eher dem Sport angepasst, so muss sich das Blatt nun wenden und ich muss lernen Abstriche zu machen. Das heisst z.B. wenn die Nacht wieder kurz war, mache keine harten Intervalle. Plane Ruhephasen besser ein – trainiere danach entsprechend. Plane generell alles viel weiter gefasst, denn Flexibilität ist nun an der Tagesordnung. Aber ob mit diesem Lifestyle und Möglichkeiten zu trainieren eine gute Performance in Roth möglich ist, ist fraglich. 3,8km Schwimmen, 180Km Rad und ein Marathon absolvieren sich leider nicht von allein…

#vomNordennachOben

